TV-Bedienkomfort vs. Privatsphäre: Wer schaut hier eigentlich wem zu?

von Holger Giesemann in Im Fokus, veröffentlicht am 11.01.2014

TV-Hersteller brüsten sich auf der Elektronikmesse CES damit, dass ihre Fernseher zur Steigerung des Bedienkomforts die Zuschauer vor dem Gerät künftig permanent sehr scharf sehen und hören können. Zugleich sind die TVs mit dem Internet verbunden. Bin ich der Einzige, bei dem diese Konstellation eher Besorgnis als Begeisterung auslöst?

Jahrzehntelang war die Rollenverteilung beim Fernsehen eindeutig. Das TV-Gerät liefert Bild und Ton ins Wohnzimmer, der Zuschauer sieht und hört zu. Jetzt allerdings sehen und hören die Fernseher dem Zuschauer beim Fernsehen zu. Angeblich nur, so verkünden die Hersteller, um den Zuschauern den Wechsel der Programme und das Ändern der Lautstärke "noch komfortabler" zu ermöglichen.

Doch damit nicht genug: nicht nur beim aktiven Fernsehen, mit bewusst eingeschaltetem Gerät, werden wir künftig im eigenen Wohnzimmer beobachtet und belauscht. Sondern auch dann, wenn der Fernseher im Stand-by ist, laufen Kamera und Mikrofon im TV-Gerät im Hintergrund ständig weiter. Somit könne der Fernseher dann ja jederzeit höchst bequem per Sprachkommando oder Fingerschnipsen eingeschaltet werden.

Das Hacken von Kameras und Mikrofonen ist längst Realität

Auch wenn man den Herstellern zugute halten möchte, dass sie diese neuen Features tatsächlich ganz ohne Hintergedanken nur zur Verbesserung des Komforts einbauen, stellt sich mir hier doch ein leicht mulmiges Gefühl ein. Denn immerhin sind alle modernen TV-Geräte - zwecks Nutzung der Smart TV Funktionen - auch permanent mit dem Internet verbunden. Und dass versierte Hacker, ob privat oder von staatlichen Geheimbehörden, die in Laptops, Smartphones und eben auch Fernsehern eingebauten Kameras und Mikrofone unbemerkt einschalten und dann Bild und Ton aufzeichnen können, ist grundsätzlich seit langem bekannt, siehe zum Beispiel hier und hier.

Auf einer Sicherheitskonferenz im Sommer 2013 wurde bereits anschaulich demonstriert, wie einfach sich ein aktueller Samsung Smart TV hacken ließ, so dass die Hacker aus der Ferne unbemerkt die Kontrolle über die im TV eingebaute Kamera und Mikrofon übernehmen konnten.

Privatsphäre freiwillig für TV-Bedienkomfort aufs Spiel setzen?

Wollen wir Fernseh-Zuschauer uns tatsächlich den permanenten "Big Brother is watching you" Alptraum freiwillig ins Wohnzimmer holen, nur für ein kleines bisschen Komfortgewinn beim Bedienen des Fernsehers? Ich hoffe ja, dass viele Konsumenten erkennen, welch ein hohes Risiko hier besteht, und solche TV-Geräte schlicht mit dauerhaftem Kaufboykott abstrafen.

Dass die Käufermeinung in einem ganz ähnlichen Fall durchaus etwas bewegen kann, zeigt die erstmalige Vorstellung der Spielkonsole XBox One im Frühsommer 2013: Hersteller Microsoft wollte den Betrieb der Konsole nur mit ständig aktiver Internetverbindung und permanentem Betrieb der eingebauten Kameras und Mikrofone ermöglichen. Ein Aufschrei der Entrüstung ging weltweit durch die Medien der technik-affinen angepeilten Zielgruppen, Microsoft musste zurückrudern, und die XBoxOne ist inzwischen ohne Internet-, Kamera- und Mikrofon-Zwang auf dem Markt.

Kunden entscheiden durch ihr Kaufverhalten, was TVs dürfen und was nicht

Was Sie und auch jeder andere TV-Besitzer in ihren Fernsehzimmern machen, was und mit wem wir sprechen, blieb bislang zuverlässig privat und unter eigener Kontrolle. Angesichts der neuen so genannten Komfort-Features moderner Fernsehgeräte sollten wir uns allerdings beim nächsten TV-Kauf ernsthaft ein paar Gedanken machen: Wie wichtig ist uns unsere Privatsphäre im heimischen Wohnzimmer?

Ich für meinen Teil werde jedenfalls keinen Fernseher mit ständig laufender Kamera und Mikrofon in mein Wohnzimmer stellen. Im Falle eines Neukaufs würde ich gezielt nach Fernsehern ohne fest eingebaute Kameras und Mikrofone suchen, und Verkaufspersonal auch bewusst mit dieser Frage konfrontieren. Falls das viele Kaufwillige tun, wird die Botschaft auch bei den Herstellern ankommen. Hoffen wir mal, dass es jetzt und auch künftig immer besonnene TV-Hersteller geben wird, die trotz der mehr und mehr um sich greifenden TV-Feature-Aufrüstung eine vernünftige Balance von Bedienkomfort vs. Schutz der Privatsphäre bei der Entwicklung ihrer Geräte-Neuheiten im Auge behalten werden.


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Kommentare

  1. Bernd am 13. Januar 2014 um 10:18 Uhr

    Die strikte Trennung von Mikro und Kamera vom Internet wäre die Grundvoraussetzung, die Fernseher sicher zu machen.
    Ich glaube nicht, daß die Herstelller von TV-Geräten überhaupt die Kompetenz haben, ihre Geräte hacksicher zu machen.
    Warum? Weil diese Fähigkeiten bis jetzt nicht gefragt waren in den IT-Abteilungen der Hersteller. Bis jetzt waren dort Programmierer gefragt, die stark im Bereich Bild- und Signaloptimierung waren. Wer baut die beste Entzerrungs- und Farbkorrektur, wer rechnet ein SD-Bild am schicksten auf HD hoch…
    Das waren die Themen, um die es bisher ging. Vor allem waren das verkaufsrelevante Funktionen. Das Thema Sicherheit ist nicht verkaufsrelevant. Ein sicheres Fernsehgerät lässt sich beim Händler nicht von einem unsicheren unterscheiden.
    Jetzt haben wir einen Markt, auf dem die Hersteller
    - mit dünnen Margen zu kämpfen haben,
    - das richtige Personal erst noch einstellen müssen,
    - Features entwickelt werden müssen, die nicht unmittelbar den Verkauf ankurbeln.

    Dazu kommt: Sicherheit bedeutet immer auch einen Mehraufwand für den Nutzer. Das steigert die Zahl der Supportanfragen und führt zu 1-Stern-Rezensionen auf Shopping-Portalen.
    Meine Prognose: Sicherheit ist ein klares B-Thema für die Hersteller und wir werden noch sehr viele Schlagzeilen a la “Wie mich die NSA im Wohnzimmer besuchte.” lesen.
    Letztendlich wird die Arbeit am Nutzer hängen bleiben. Er wird seinen Router anweisen müssen, zumindest die wildesten Amokläufe des Fernsehers zu verhindern.

  2. Holger Giesemann am 13. Januar 2014 um 15:51 Uhr

    Hallo Bernd, vielen Dank für diese weisen Worte, ich stimme hundertprozentig zu. Derzeit scheint Netz-Sicherheit und Schutz der Privatsphäre nicht auf der Feature-Liste der Hersteller zu stehen. Ich bin auch skeptisch, ob das Thema ähnlich wie bei der XBox One hochkochen wird, denn die technikaffine Gamer-Gemeinde ist hierbei wohl deutlich sensibler als Otto Normal-TV-Käufer.
    Entsprechender (auch medialer) Druck auf die Hersteller bleibt bislang jedenfalls aus, der aufgeklärte TV-Zuschauer muss sich also wohl weitgehend selbst um den Schutz seiner Privatsphäre beim Fernsehen und im Fernsehzimmer kümmern.


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